
Spinnen
mit Patienten
Bericht
über ein von mir betreutes Projekt im Gemeinschaftskrankenhaus
Herdecke von 1980 bis 1987

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An den Anfang des Berichtes über meine Arbeit im Gemeinschaftskrankenhaus
Herdecke will ich die nachfolgenden Punkte setzen, die wir nach
der Eröffnung der Spinnstube in einem Informationsblatt im Krankenhaus
verteilt haben. Sie gelten natürlich auch für Menschen, die zu
Hause mit Krankheit und Problemen leben.
Wir, das waren
vier engagierte Krankenschwestern und ich.
"Warum ist es wichtig
im Krankenhaus mit Patienten zu spinnen?
Die vordergründigste
und einfachste Erklärung ist damit gegeben, dass die Menschen
in der Krankenhaussituation mehr Zeit als sonst in ihrem Leben
haben und oft nicht in der Lage sind, diese Zeit sinnvoll zu nützen.
Spinnen kann man in verhältnismäßig kurzer Zeit lernen und das
Erfolgserlebnis, dass Menschen trotz Krankheit etwas Neues, Sinnvolles
lernen können, mit ihren Händen etwas tun können, reicht eigentlich
als Begründung schon aus.
Spinnen hat aber noch andere, vielfältige Wirkungen:
- es entspannt, ohne zu ermüden,
- es stabilisiert und beruhigt,
- es hilft bei Depressionen,
- es stärkt die Koordinationsfähigkeit,
- es gibt das Gefühl, etwas gutes, sinnvolles zu tun,
- es hilft den Menschen sich zu sammeln und ihre Mitte zu finden,
- es löst und öffnet verschlossene Menschen,
- es schafft eine ruhige Atmosphäre, in der es gleich gut ist
zu reden oder zu schweigen,
- es hat eine ordnende Wirkung auf die Gedanken."
Ein fernöstliches
Zitat von Pattabhi Sitaramayya kann dies alles sehr gut ausdrücken:
"Vor allem ist das Spinnrad das Rad der Weisheit und des
Wissens, des Friedens und der Seelenruhe.
Es zähmt die Leidenschaften und beruhigt die Sinne.
Dem kranken Gemüt gibt es den inneren Frieden zurück.
In einem Wort: Es ist das Lebenselixier und der Stein der Weisen."
Wie kam ich dazu diese
ehrenamtliche Arbeit im Herdecker Krankenhaus aufzubauen und sieben
Jahre zu betreuen?
Mit Faszination habe
ich als Kind die Ungarn-Deutschen Frauen in ihren alten Trachten,
den sieben Röcken, die sie übereinander trugen beobachtet, die
nach dem Krieg in unser Dorf kamen. Mit ihren Spinnrädern waren
sie außergewöhnliche Erscheinungen. Sie verdienten sich bei den
Bauern mit spinnen der frisch geschorenen Wolle ihr Brot. Wolle
war eine Rarität, man konnte sie nicht kaufen.
In dieser Gegend Sachsens war seit langer Zeit die Textilindustrie
zu Hause, Spinnräder gehörten einer fernen Vergangenheit an. So
wurde mein Interesse am Spinnen geweckt. Mit 16 Jahren habe ich
zum ersten Mal selbst Wolle für eine Jacke gesponnen.
Dann vergingen viele
Jahre, bis ich 1977 im Herdecker Krankenhaus auf einer
Station eine Spinnrad entdeckte. Ich versuchte vergeblich damit
zu spinnen, da ich nicht wusste, dass dieses Spinnrad ein Flachsrad
war.
1978, mit 40
Jahren, habe ich mir dann den Wunsch nach einem eigenen Spinnrad
erfüllt und intensiv zu spinnen begonnen. Seither habe ich einige
Zentner Wolle und alle andere Eiweißfasern versponnen und verstrickt.
1980 wurde ich
von meinem Arzt, Dr. Konrad Schily gefragt, ob ich auf seiner
Station - der Neurologie - mit Patienten spinnen und stricken
wollte.
So
begann meine Arbeit in einer Sitzecke des Stationsflures. An zwei
bis drei Tagen in der Woche habe ich mein Auto mit Wolle und Spinnrädern
vollgepackt, bin ins Krankenhaus gefahren und habe mit den Patienten,
die freiwillig kamen gesponnen. Es begann ein intensiver Lernprozess
für mich und viele Patienten und auch für manche Mitarbeiter des
Hauses.
Da ich keine Erfahrung
in der Arbeit mit Patienten hatte, wurde ich nicht durch feste
Vorstellungen behindert. Ich musste mich darauf beschränken zu
sehen, zu hören, zu fühlen und dann entsprechend zu reagieren.
Gleich am ersten Spinnabend
musste ich den Test eines Patienten bestehen, der mich mit einer
Fachfrage prüfen wollte: Von welcher Schafrasse stammt Mohair?
Zu meinem Glück wusste ich, dass es von Mohairziegen stammt. Diese
Frage hat mich allerdings dazu veranlasst mein Wissen zu erweitern.
Nach
meiner Erfahrung können alle, die spinnen lernen wollen - und
manuell normal begabt sind - in drei Stunden an aufeinander folgenden
Tagen oder Wochen soweit kommen, dass es Spass macht. Gesunde,
jüngere Menschen lernen es in der Regel mit einer kurzen Anleitung
und haben schon beim ersten Mal grosse Freude an der Arbeit.
Beim Spinnen kann man
in verhältnismässig kurzer Zeit ein Erfolgserlebnis bekommen.
Es entsteht etwas Sichtbares und Greifbares - im Wortsinn Begreifbares.
Man kann selbst aus Anfängerwolle etwas Sinnvolles herstellen.
Und dieses Gefühl, etwas
Ssinnvolles, Neues
lernen zu können ist bei schweren Erkrankungen wesentlich für
den Gesundungsprozess oder aber für den Lernprozess, der nötig
ist, wenn man mit einer chronischen Erkrankung leben muss.
Je
schwerer die Erkrankung ist, umso länger dauert es, bis das Spinnen
Freude macht und Entspannung bringt. Meiner Beobachtung nach nimmt
die Fähigkeit etwas Neues aufzunehmen, zu lernen und umzusetzen
bei langanhaltenden und schweren Erkrankungen ab. Wobei Ausnahmen
die Regel bestätigen.
Hinderungsgründe dafür,
das Spinnen in kurzer Zeit zu lernen sind neben Erkrankungen und
Behinderungen vor allem Angst und zu grosser Ehrgeiz. Beim Spinnen
lässt sich nichts erzwingen. Je lockerer man die Arbeit angehen
kann, umso schneller funktioniert sie. Spinnen funktioniert dann,
wenn die Koordination der unterschiedlichen Bewegungen und Kraftverhältnisse
stimmt. Vereinfacht gesagt: Wenn Geben und Nehmen ausgewogen sind.
Eine Hand muss kräftig zufassen und nehmen, die andere muss locker
lassen und geben. Zusätzlich muss dieses Geben und Nehmen mit
den Füssen - über die Augen - koordiniert werden.
Spinnen ist etwas einfaches,
normales, verständliches und kann aus dem Krankenhaus in das normale
Leben mit genommen werden. So kann es als Brücke in das alltägliche
Leben dienen, wenn Patienten nach einem längeren stationären Aufenthalt
nach Hause entlassen werden. Bestätigung dafür habe ich von vielen
Patienten bekommen, die sich ein Spinnrad gekauft und zu Hause
weiter gesponnen haben.
Wenn man bei Depressionen
oder grossem Kummer allein lebt, geht es oft einfach darum, über
einen Zeitraum hinweg zu kommen. Z. B. den späten Abend zu erreichen,
um müde genug zum Schlafen zu sein und damit den nächsten Morgen
zu erreichen, an dem der Kummer wieder erträglichen ist.
Mir scheint auch, dass
der laufende Prozess, in dem der Faden entsteht, eine ordnende
Wirkung auf die Gedanken hat. Bei Problemen neigt man dazu, immer
wieder im Kreis zu denken, keinen Weg aus den kreisenden Gedanken
zu finden. Wie sich beim Spinnen die Fasern zum Faden ordnen,
scheinen sich dabei die Gedanken zu ordnen und in eine andere
Bahn zu gehen.
Mahatma Gandhi sah
im Spinnen zugleich ein Mittel zur Erlangung wirtschaftlicher
Unabhängigkeit (für die westliche Welt nicht zutreffend) und seelischer
Gesundheit. Er soll gesagt haben, dass für ihn das Spinnen die
Meditation ersetzt. Er ermunterte alle Inder zu spinnen und nahm
sein Spinnrad auch auf Reisen und ins Gefängnis mit.
Wenn bei Patienten
fühlbare Wirkungen erzielt werden sollen, reicht es nicht aus,
einmal in der Woche eine oder zwei Stunden zu spinnen. Das konnte
ich in Zeiten ausprobieren, in denen ich selbst als Patient im
Krankenhaus war und Gelegenheit hatte, mit anderen Patienten täglich
zu spinnen.
Beim Spinnen gibt es
eine Handschrift und manchmal ist es nötig, diese zu beeinflussen.
Perfektionisten und zwanghaft ordentliche Menschen sind von Anfang
an bestrebt, einen dünnen, perfekten Faden zu spinnen. Darum geht
es aber in unserer Zeit nicht mehr, das können Maschinen besser.
Beim therapeutischen Spinnen geht es darum, die Bewegungen in
einem fliessenden Rhythmus zu lenken und einen lebendigen Faden
zu spinnen.
Es kann auch das Gegenteil
des perfekten, festen Fadens geben. Dabei denke ich an einen Patienten,
der viele Wochen im Krankenhaus war und bei mir spinnen und stricken
gelernt hat. Er spann einen ganz zarten und vorsichtigen Faden,
bei dem die Fasern kaum zusammen gedreht waren. Ich habe mich
häufig neben ihn gesetzt und wir haben gemeinsam gesponnen. Immer
wieder habe ich ihn daran erinnert, dass er kräftiger zufassen
soll. So wie sich sein Befinden verbesserte, wurde auch sein Faden
fester und kraftvoller. Als er entlassen wurde, konnte er voller
Stolz mit selbstgefertigtem Pullover und Weste gehen.
Zu den ersten, für
mich sehr starken Erfahrungen mit Patienten gehörte Frau R. Sie
kam mit MS und stark zitternden Händen zu mir. Auch ihre Füsse
gehorchten ihr nicht mehr so, wie sie es wollte. Sie war Studentin,
Anfang 20 und musste sich mit der Tatsache ihrer Erkrankung auseinander
setzen.
Wir haben versucht,
zusammen zu arbeiten. Die Koordination von Händen und Füssen klappte
überhaupt nicht. Auch die Bewegung der Hände allein, dieses kraftvolle
ziehen der einen Hand und das lockere bereithalten der anderen
Hand schaffte sie nicht. Wir haben es mit Arbeitsteilung versucht,
ich habe die "Arbeit" gemacht und sie hat ihre Hände auf meine
Hände gelegt, damit sie ein Gefühl für die Art der Bewegung und
der Kraftverhältnisse bekommt. Wir haben beide in verschiedenen
Lektionen vor Anstrengung geschwitzt, aber ohne jeden Erfolg.
Dann gab es einen Abend,
an dem fast alle Patienten im Bett lagen und nicht zum Spinnen
kamen. Das Wetter war die Ursache dafür.
Frau R. kam in die
Spinnecke. Bei den vorangegangenen Lektionen hatte ich beobachtet,
dass sie sich in der dunklen Fensterscheibe, die
ihr
als Spiegel diente, ständig beobachtete. Vor allem wenn sie mit
mir sprach, schaute sie nicht mich, sondern sich selbst im Spiegel
an. Ich wollte diesen "Störfaktor" ausschalten und bat sie, sich
neben mich zu setzen, mit dem Rücken zum Fenster, damit neu hinzukommende
Patienten nicht den Eindruck hätten, wir kehrten ihnen den Rücken
zu und wollten nichts mit ihnen zu tun haben. Dieses Argument
konnte Frau R. akzeptieren. Sie sagte aber gleich dazu, dass sie
nicht spinnen will, weil es sowieso keinen Sinn hat. Ich bat sie,
es noch einmal zu versuchen, da wir Ruhe und Zeit hätten.
Wir sassen also nebeneinander,
mit dem Rücken zum Spiegel und machten wieder unsere mühsamen
Versuche.
Da wir allein waren
fragte ich sie, warum es keinen Sinn haben soll zu spinnen, ob
sie von den Ärzten neue Ergebnisse bekommen habe. Sie sagte "Ja,
sie haben gesagt, dass sie mir nicht helfen können, dass es keine
Heilung gibt."
Ich habe vorsichtig versucht, weiter mit ihr zu reden, ihr zu
sagen, dass sie zwar nicht geheilt werden kann, dass ihr hier
aber geholfen werden kann zu lernen, mit ihrer Krankheit sinnvoll
zu leben.
Dann sprach sie über
die Probleme ihres Lebens: Das Studium, das sie weiterführen wollte,
die Probleme zu Hause und nun auch noch die Angst davor, nichts
mehr lernen zu können - auch spinnen nicht - und es doch zu wollen.
Während sie erzählte
und ihre Angst sich löste, konnte sie plötzlich selbstständig
spinnen ohne es zu merken! Es hat ihr viel Freude gemacht, ihre
Hände wurden während der Arbeit ruhig und dieser Erfolg hat ihr
sehr gut getan.
Das war ein starkes
Erlebnis für mich und auch ein Beispiel dafür, dass Angst ein
Hinderungsgrund sein kann. Es gäbe noch viele weitere Beispiele
für die guten Wirkungen des Spinnens zu erzählen.
Nach
vier Jahren "Spinnen in der Flurnische" ergab sich mit Hilfe engagierter
Mitarbeiter des Hauses 1984 die Möglichkeit, in einem frei
werdenden Raum eine Spinnstube einzurichten. Das war eine grosse
Erleichterung für mich und ein Erfolg für meine Arbeit. Ich musste
nicht mehr allwöchentlich die Spinnräder und Wollmengen zwischen
meiner Wohnung und dem Krankenhaus hin und her transportieren.
Es wurde ein schöner und gemütlicher Raum, ein Treffpunkt für
Patienten und Besucher.
Nach
weiteren drei Jahren wurde deutlich, dass ich diese Arbeit aus
gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Nach Absprache mit der
Krankenhausleitung habe ich für die Spinnstube neue Mitarbeiter
angelernt und eingearbeitet.
Im August 1987 habe ich die Arbeit, die mir sehr viel bedeutet
hat, beendet. Die Spinnstube wurde noch einige Jahre weitergeführt,
bis auch meine Nachfolgerinnen die Arbeit aus unterschiedlichen
Gründen aufgegeben haben.
Meiner Information
nach gibt es die Spinnstube im Herdecker Krankenhaus schon lange
nicht mehr. Für Aufgaben dieser Art braucht man persönlichen Einsatz,
Lust und vor allem Liebe zur Sache und zu den Menschen.
Wichtige Tipps:
Die Wahl des Spinnrades
Für therapeutisches Spinnen sollte auf jeden Fall ein Spinnrad
mit Wiegebrett gewählt werden. Die Bewegung der Füsse überträgt
sich beim Wiegebrett harmonischer auf den Körper. Das Spinnrad
sollte zum Spinner passen und gut funktionieren. Deshalb habe
ich verschiedene Modelle ausprobiert und mich dann für fünf erprobte
entschieden. Sehr schöne alte Modelle, bei denen der Fuss das
Trittbrett herunter stösst, sind ungeeignet.
Ein
bequemer Stuhl oder Schemel
Die Sitzhaltung
sollte locker und gerade aufgerichtet sein, damit die Energie
fliessen kann. Als Hilfe kann die Vorstellung der Wirbelsäule
als einer Perlenkette dienen, die sich zwischen den fühlbaren
Sitzbeinhöckern Perle für Perle übereinander aufbaut. Auf einem
Stuhl mit Lehne sollte man mit dem Gesäss ganz dicht an der Lehne
sitzen. Eventuell kann ein Kissen zur Unterstützung des Rückens
dienen und, wenn nötig, ein Kissen auf der Sitzfläche, um die
richtige Höhe für die Beinhaltung zu bekommen.
Die Wahl der Wolle
Nach Möglichkeit sollte frische, ungewaschene und ungekämmte Wolle
verwendet werden (Vliesswolle), da sie zugleich besser rutscht
und haftet, als trockene Wolle. Sie sollte von guter Qualität
und sauber sein. Als Vorbereitung sollte eine kleine Menge gelockert
und von Stroh, Gras oder anderen Unreinheiten befreit werden.
Dabei entsteht eine erste Beziehung zu den Fasern, die versponnen
werden.
Langsam spinnen,
es geht nicht um Tempo!
Alle kennen das Sprichwort
"Spinnen am Morgen bringt Kummer und Sorgen, spinnen am Abend
- erquickend und labend".
Es bezieht sich auf den grossen Unterschied,
den es in früheren Zeiten ausmachte, ob man seinen Lebensunterhalt
mit spinnen verdienen musste, oder ob man sich am Abend nach getaner
Arbeit ans Spinnrad (oder die Spindel) setzten konnte.
Das ist ein kleiner
Bericht von einer grossen Arbeit, die mir viel Freude gemacht
hat. Das Echo der Patienten war dankbar und vielfältig.
Geesthacht im Juni
2001

Als
ich vor vielen Jahren die Spinnwebe als Symbol für meine
Arbeit mit Patienten im Herdecker Krankenhaus wählte,
hatte ich noch keine Ahnung von der tiefen Bedeutung dieses Symbols.
Hier
finden Sie eine Erklärung:
Spinnwebe
- symbolische Bedeutung
Handspinngilde
e. V.
ein Verein der deutschen Handspinner
Wollen
Sie mir schreiben?: dorothea@lustauffarben.de